Schnitte brauchen Mut(-mach-Geschichten)

Nun sollte er es alleine durch die Nacht schaffen. (…) “Siehst Du”, sagte Mut-Bär zu ihm, “Du bist geborgen in diesem Leuchten aus Liebe und Wärme. Das Dunkle hat keine Chance, an Dich heranzukommen.”

Aus einer Mutmachgeschichte für meinen Sohn

Mut-Bär und Schutzengel

Erntezeit ist auch die Zeit des großen Mutes. Denn Mut braucht es, Schnitte zuzulassen und Abschied zu ermöglichen. Da geht auch so manches Liebgewonnene.

Hilfreich kann es sein, sich eine Mutmach-Geschichte zu erzählen oder sich erzählen zu lassen. Eine Geschichte, die den Verlust beschreibt und die frei werdende Stelle mit neuen Möglichkeiten füllt. Das kann beginnen mit dem Satz “Ich erzähle die Geschichte einer, die …” oder “Ich erzähle die Geschichte eines, der …”

Als Beispiel schreibe ich hier die Mutmach-Geschichte auf, die ich meinem Sohn eine Woche lang abends vorgelesen habe, als er lernte, alleine in seinem Zimmer durchzuschlafen:

“Ich erzähle die Geschichte von einem, der kein kleiner Junge mehr war. Und auch noch nicht ein so großer Junge wie die, die alleine mit dem Fahrrad zum Fußball-Training fahren. Tagsüber lachte er viel. War fröhlich, wenn er Fußball spielte, gemeinsam mit Schulfreunden oder seinem besten Freund B. unterwegs war und mit Mama und Papa kuschelte. Manchmal passierten auch Sachen, die nicht so schön waren: Jemand foulte ihn beim Fußball. Er verletzte sich beim Spielen. Oder ein anderes Kind sagte ein doofes Wort zu ihm. Da musste er weinen. Wenn Mama und Papa da waren, nahmen sie ihn in den Arm. Manchmal wollte er das aber nicht. Oder sie waren nicht da. Dann weinte er allein. Irgendwann dachte er wieder an etwas Schönes oder es passierte einfach etwas anderes, was ihn ablenkte. Dann waren der Schmerz und die Traurigkeit wieder vorbei und der Junge wurde wieder fröhlich.

Manchmal wachte der Junge nachts auf und bekam Angst, weil die Nacht alles so anders macht. Dann spürte er zu Mama und Papa hin, die  im gleichen Zimmer schliefen. Wärme und tiefes Vertrauen durchströmten ihn, und er wusste, dass Mama und Papa da waren und auf ihn aufpassten. So war es gut, und er schlief wieder ein.

Nun aber hatten Mama und Papa beschlossen, dass er nicht mehr bei ihnen schlafen würde und es alleine durch die Nacht schaffen sollte. Da wurde der Junge ganz ängstlich. Er vergaß, dass er tagsüber mit Angst und Schmerz schon ganz gut umgehen konnte. Er vergaß sein Vertrauen, dass seine Eltern ihn beschützen. Und er erinnerte sich nicht mehr an die Wärme, die ihn umgab. Er wusste noch nicht, dass die Wärme und Geborgenheit seiner Eltern wie goldene Leuchtfäden um ihn waren, die einen schützenden Schlafsack um ihn bildeten. So hatte er Angst und weinte in der Nacht.

Das sah Gott. Er befahl seinen Engeln: “Geht zu dem Jungen und sagt ihm, dass er keine Angst haben muss, weil die Liebe seiner Eltern ihn umhüllt und schützt wie eine golden leuchtende Decke. Meine Liebe schützt ihn ebenfalls wie zwei große haltende Hände. So kann er nicht tiefer fallen als in meine Hände.” So sprach Gott.

Da trat ein Engel hervor und sagte: “Gott, das können wir dem Jungen nicht sagen. Er sieht uns nicht. Auf jeden Fall nur selten.” “Oh”, sagte Gott daraufhin, “daran habe ich gar nicht gedacht. Nun gut, so schicke ich ihm einen Traum.” Und Gott schickte dem Jungen einen Traum. Der träumte, dass sein Schutzengel und sein Mut-Bär zu ihm kamen, als er schlief. Die beiden nahmen ihn jeweils an einer Hand. Da konnte er zwischen ihnen fliegen. Er flog aus dem Bett und bis unter die Zimmerdecke. Wie er nach unten schaute, sah er, dass er da noch immer in seinem Bett lag und schlief. Und er entdeckte noch etwas anderes: Sein Körper auf dem Bett war umgeben von einem goldenen Leuchten. Wie ein umhüllender Schlafsack, in den sein Körper und ein bisschen oben und unten, ein bisschen vorne und hinten passte. Von diesem Leuchte-Schlafsack gingen viele, viele Leuchtebänder aus dem Kinderzimmer durch den Flur in das Schlafzimmer. Dort lagen seine schlafenden Eltern. Von beiden gingen die Leuchtebänder aus, dort nahmen sie ihren Anfang, besonders vom Herzen und vom Kopf, mit dem sie denken. Der Junge begriff, dass  die Bänder etwas mit Liebe und Wärme für ihn zu tun haben. Und dass er durch diese Bänder aus Liebe und Wärme mit seinen Eltern verbunden ist, die ganze Zeit. Da machte es gar nichts, dass sie nicht in demselben Zimmer schliefen. Er flog mit Schutzengel und Mut-Bär zurück in sein Zimmer. “Siehst Du”, sagte Mut-Bär zu ihm, “Du bist geborgen in diesem Leuchten aus Liebe und Wärme. Das Dunkle hat keine Chance, an Dich heranzukommen. Du bist durch die Lichtschnüre mit deinen Eltern verbunden. ” Mut-Bär lachte, und der Schutzengel lachte. Da lachte auch der Junge und sah, dass alles gut war. Schutzengel und Mut-Bär sanken mit ihm wieder auf sein Bett, drückten ihm noch einmal die Hand und sagten: “Vergiss es nie, die Wärme und das Leuchten, die Wärme und das Leuchten, die Wärme und das Leuchten …” Langsam waren ihre Stimmen immer leiser geworden.

Der Junge erwachte und erschrak: Es war wieder dunkel. Kein Leuchten. Und Schutzengel hing an der Wand und Mut-Bär lag stumm neben seinem Kopfkissen. Er wollte gerade Angst bekommen, da kam die Erinnerung zurück an das, was er gesehen und erlebt hatte: das goldene Leuchten um ihn, Die Verbindung durch die goldenen Bänder zu seinen Eltern. Er spürte zu Mama und Papa und spürte die Verbindung zwischen den beiden Räumen. Sie waren ja gar nicht weit weg. Der Junge fühlte sich getröstet. Sein Kopf sank wieder auf das Kissen, seine Augen fielen ihm wieder zu. Er schlief ruhig bis zum nächsten Morgen. In den nächsten Tagen und Wochen erinnerte er sich immer wieder an das Leuchten, an Wärme und Geborgenheit und an die Verbindung zu Mama und Papa. So wurde er ein Junge, der in seinem Bett durchschläft. Ruhig und geborgen.

PS: Der Schnitt ist gelungen. unser Sohn schläft durch.

PPS: Wie geht Ihre Mutmach-Geschichte weiter, die beginnt mit den Worten: “Es war einmal eine/r, der/die …”?