Retreat – Rückzug

In einem Frauenretreat geht es darum, dass wir einen Schritt vom Alltag zurücktreten, um auf unsere innere Stimme zu hören und uns auf unser wahres Wesen einzustellen. Uns auf uns selbst zu beziehen um uns zu regenerieren. Es geht darum, dem zu vertrauen, was wir als heilig empfinden, ohne uns auf äußere Bestätigung stützen zu müssen. Es bedeutet sich Zeit zu nehmen für das Wesentliche in unserem Leben, unseren Musen freien Lauf zu lassen und uns auf unsere Träume zu besinnen.

Jennifer Louden, „Zeit für dich. Kräfte schöpfen aus der Stille. Das große Retreat-Buch für Frauen”, Bauer 1998

 

Als meine Ärztin mir mitteilte, dass die kleine OP mit einem Tag Krankenhaus-Aufenthalt verbunden sein würde, da dachte ich sofort: Daraus mache ich ein Retreat. Und so nahm ich, als es so weit war, das große Retreat-Buch von Jennifer Louden mit, ein LED-Kerzchen mit Kerzen-Tüte, da in Krankenhäusern oft keine echten Kerzen erlaubt sind und mein Tagebuch. Vor allem aber nahm ich die innere Haltung, ein Retreat durchzuführen, mit ins Krankenhaus. Die war entscheidend dafür, dass 24 Stunden Krankenhaus-Aufenthalt zu einer ganz besonderen, und ganz besonders schönen Erfahrung werden konnten:

Ich hatte mir in einer inneren Reise das Bild kreiert, dass meine göttlichen Eltern hinter mir stehen und mir beistehen. Dieses Bild rief ich ab, als ich auf dem OP-Tisch lag und mich wie ein reparaturbedürftiges Auto in einer Kfz-Werkstatt fühlte.

Ich zog mich in mich zurück und überprüfte zu jedem Zeitpunkt, was ich denn wollte – eine echte Herausforderung im System Krankenhaus: Mich anziehen und im Park spazierengehen. Mich in die Kapelle zurückziehen und alleine beten und singen.

Licht in der Krankenhaus-Kapelle

Und plötzlich kam ich in Kontakt mit mir, mit meinem innersten Wesen, oder, wie Jennifer Louden schreibt: „Ich konnte mich plötzlich mit dieser außerordentlich interessanten, eigenwilligen Frau in mir unterhalten, die nur darauf wartete, endlich einmal zu Wort zu kommen.“ Gerade weil ich an diesem besonderen Ort mit seinen ganz eigenen Strukturen war, konnte ich, verbunden durch den Retreat-Gedanken, bewusst steuern, an welcher Stelle ich meinen Blick nach innen oder nach außen lenken wollte. Ich unterhielt mich mit einer schicksalsgeplagten Zimmernachbarin, um dann wieder allein in der Abenddämmerung im tiefverschneiten Park spazieren zu gehen. Ich begrüßte eine Frau aus unserer Straße, die ich dort traf, um mich dann wieder in mein Tagebuch zu vertiefen.

Retreat im Schatten und im Licht

Diese 24-stündige Kurz-Retreat hat mir erneut verdeutlicht, dass Rückzug und die Verbindung mit dem inneren Wesen eine innere Haltung ist, für die wir nicht in die Wüste gehen oder mindestens zwei Wochen von zuhause fort sein müssen, sondern dass es sich um eine innere Haltung der inneren Einkehr und seelischen Rück-Verbindung handelt.

Da der Rückzug auch gut in die Energie der Winterzeit passt, hier ein paar Tipps für ein Retreat:

  • Setzen Sie sich einen konkreten Zeitrahmen, wann ihr Retreat beginnt und wann er endet. Sie sehen dann auf alles, was in dieser Zeit geschieht, mit einem besonderen Blick.
  • Nehmen Sie sich Zeit, im Vorfeld eine Fragestellung (z.B. „was brauche ich, um innerlich zur Ruhe zu kommen?“ oder „Wie kann ich den Konflikt mit K. gut lösen?“) oder ein Anliegen („Ich bitte darum, dass mir gezeigt wird, was mich innerlich in dieser belastenden Situation stärkt“ oder „Ich nehme mir Zeit auszuprobieren, welche Art der Kreativität mir entspricht“) zu entwickeln.
  • Nutzen Sie Ihr Tagebuch, ein Heft oder eine elektronische Datei, um all das notieren zu können, was Ihnen in der Zeit in den Sinn kommt.
  • Stellen Sie sich Materialien zur Verfügung, mit denen Sie Ihre Kreativität leben können, ob das nun Buntstifte, ein Musikinstrument oder Bastelmaterial ist.
  • Gehen Sie bewusst offline, damit Sie sich für die gewählte Zeit wirklich auf sich besinnen und aus der „nach außen gerichteten Geisteshaltung (…) und dem Netz von Bindungen und Verpflichtungen“ (J. L.) lösen können.
  • Beenden Sie Ihr Retreat bewusst und mit einem Abschlussritual, sei es auch noch so klein. Der bewusste Abschluss ist wichtig, um Ihnen den Übergang zurück in den Alltag gut zu ermöglichen. Denn ein Retreat kann Sie verändern und dann ist es wichtig, diese Erfahrung gut integrieren zu können. Ich neige z. B. dazu, schlechtgelaunt aus einem Retreat zurückzukehren, da ich davon nicht genug bekommen kann. Mir hilft es dann, mit mir eine konkrete Vereinbarung für einen kleinen schönen Rückzug zu ermöglichen (ein Spaziergang, ein Bad, eine innere Auszeit bei Kerzenlicht, Tee und Musik).

Wenn Sie Unterstützung bei der Durchführung eines Retreat wünschen, stehe ich Ihnen gerne als Begleitung zur Verfügung. Ich unterstützt Sie bei der Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung auf die Ihnen angemessene Weise und an unterschiedlichen Orten. Fragen Sie gerne nach: 040/794 195 45 oder info(at)ihretwegen.de