Ernterezept für die Seele

“Eine Hand voll süßer Atemzüge für die Seele.”

Nina Stiewink

 

Fülle - Fülle - Überfülle

Die Erntezeit des Spätsommers weist uns auf die Energie der Fülle hin: überbordende Apfelbäume, vielfältige Beeren an Sträuchern, Felder von Blumen. Viel, viel, viel. Und manche Gärtnerin stöhnt, weil so viel zu tun, so viel zu ernten ist. Und nicht genug Zeit. Womit anfangen? Was zuerst? Was ist wirklich wichtig? Aus den nicht abgeernteten Bohnen lassen sich noch Rasseln für die Kinder machen. Aus den nicht geernteten Reneclauden wird klebrige Bodenmatsche – brrr! Der zweite Schwung der Magnolienblüte ist wunderschön – und erfordert sofortiges Abfegen, sonst klebt auch das.  Wie soll eine all das verarbeiten?

Da dies kein Gärtnerinnen-Blog ist, sondern ein Coaching-Blog, steht die Überfülle der Ernte als Symbol für die Überfülle im beruflichen oder privaten Alltag: So viele Informationen: Die kostenlose Tageszeitung im Probeabo als Download. Die Kommunikationsangebote auf Facebook, XING, im Email-Briefkasten. Die Anfragen von KollegInnen. Die Aufträge auf dem Schreibtisch. Zum Sport, zum Elternabend, das Gespräch mit dem Partner / der Partnerin. Oder einfach nur ins Bett? Eine Fülle, eine Überfülle an Möglichkeiten. Wie damit umgehen? Alles scheint wichtig, alles dringlich. Und manchmal rückt durch eine Erledigung nur das Nächste an Platz eins auf der Liste.

Die Energie der Schnitterin des August macht deutlich: Es braucht Entscheidung. Und Entscheiden heißt auch, zu scheiden, zu trennen, so manches Mal auch “sich trennen”. Von der Perfektion, die alles hinbekommen will. Von dem Anspruch, eine zu sein, die …

  • die ganze Ernte einholt
  • alles tut, was zu tun ist
  • alles im Griff und unter Kontrolle hat
  • eine weiße Weste hat
  • allen Rollen gerecht wird
  • zügig den nächsten Schritt geht
  • in sich und um sich herum aufgeräumt hat

Statt dessen auch mal eine sein,  …

  • die Nein sagt – zu Anderen, vor allem aber vielleicht zu dem inneren Kritiker, der immer noch mehr fordert
  • die sich kon-zentriert – auf das, was JETZT wesentlich ist
  • die etwas weg gibt, weil es zu viel ist, mit einem freundlichen “Mach du was damit. Ich kann und will gerade nicht”
  • die das Vertrauen hat, dass aus runter gefallenen Früchten Kompost für die Erde wird, auf der viellicht etwas ganz anderes ungeahntes aufgeht, wenn sie es loslässt.
  • die entscheidet, indem sie ent-scheidet, sich scheidet, trennt von dem, was nicht geht (s. oben) und freundlich auf sich gucken kann und sagt: “Ja, so ist es gerade.”
  • die den Mut hat, nicht zu tun als ob, sondern das Kind beim Namen nennt und zu dem Eigenen steht: Ja, ich bin nicht (mehr) bei Facebook. Ja, ich habe den lukrativen (sozialen / wichtigen …) Auftrag abgelehnt, weil die Zeit dafür fehlt. Ja,ich habe den Elternabend geschwänzt, mich in die Abendsonne gesetzt und den Magnolienblättern beim Fallen zugesehen.
  • Eine, die ausmistet, was zu viel wird, mit der Mistgabel der eigenen Wertigkeit, auch wenn andere vielleicht einen anderen Maßstab ansetzen.

Auch an süßen Früchten können wir uns den Bauch verderben, wenn es zu viel des Guten ist. Zu-viel-des-Guten ist eben nicht das Bessere, sondern weniger als gut.

Hier ein leckeres Ernterezept für die Seele:

  • Eine Hand voll süßer Atemzüge
  • 13 Schmetterlingsflügel geschlossener Augenlider
  • 4-10 Momente wohliger Erinnerung an Geerntetes
  • ein Pfund Ruhe
  • eine Prise mild gepfeffertes “Nein”
  • 3 x Lachen für die Seele

Das Ganze in einem Tanz zu fröhlicher Musik im Innern gut durchmengen. An einem lichten Ort 20 Minuten in der Sonne gehen lassen. Sofort genießen. Die Menge ist je nach Bedarf für eine bis mehrere Portionen teilbar. Guten Sommer-Appetit!